Grundlagen
Was eine Verschwörungserzählung ist — und was nicht
Verschwörungen gibt es natürlich, und zwar nicht wenige. Ob eine Behauptung über eine solche Verschwörung nun seriös ist oder nicht, hängt dabei meist gar nicht so sehr vom Thema ab, sondern von der Art und Weise, wie sie gebaut ist.
- Verschwörung
- Meist wenige Beteiligte, ein einigermaßen umrissenes Ziel, ein begrenzter Zeitraum, und am Ende fliegt die Sache in aller Regel auf.
- Erzählung
- Unbegrenzt in Reichweite und Dauer, sämtliche Institutionen gelten als unterwandert, und jeder Widerspruch wird zur Bestätigung umgedeutet.
- Prüfstein
- Die Frage nach dem denkbaren Gegenbefund. Wo niemand mehr einen angeben kann, haben wir es nicht mehr mit einer überprüfbaren Behauptung zu tun.
Misstrauen gegenüber Institutionen hat oft gute historische Gründe
Wer in den sechziger Jahren behauptete, ein Nachrichtendienst verabreiche ahnungslosen Bürgern psychoaktive Substanzen, galt als paranoid, und zwar so lange, bis das Church-Komitee 1975 die Akten zu MKUltra vorlegte. Wer 2005 von einer anlasslosen Speicherung fast sämtlicher Verbindungsdaten sprach, wurde belächelt, bis Edward Snowden 2013 die Dokumente übergab. Und wer in den siebziger Jahren annahm, die Mineralölwirtschaft kenne die Klimafolgen ihres Geschäftsmodells recht genau und finanziere trotzdem die Produktion von Zweifel, der lag schlicht richtig, wie interne Papiere seit den 2010er Jahren zeigen.
Ein Register dieser Art sollte deshalb mit einem Zugeständnis beginnen und nicht mit einer Belehrung. Mächtige Institutionen haben konspirativ gehandelt, systematisch getäuscht und Menschen geschädigt, und wer das ausblendet, hat jede weitere Argumentation ohnehin schon verspielt.
Daraus folgt allerdings nicht, dass nun jede beliebige Behauptung über Mächtige gleich gut wäre. Es gibt durchaus Unterscheidungskriterien, und die sind keine Geschmacksfrage.
Vier Bauprinzipien kennzeichnen die geschlossene Erzählung
Die Forschung von Karl Popper über Richard Hofstadter bis hin zu Michael Barkun und Michael Butter kommt weitgehend übereinstimmend auf vier Merkmale, die weniger den Inhalt betreffen als vielmehr die Architektur solcher Deutungen.
Erstens: der Zufall wird abgeschafft
Jedes Ereignis erscheint als beabsichtigt. Pannen, Fehlplanungen, Verwaltungsversagen, statistische Ausreißer und ganz banales Pech fallen als Erklärungen einfach weg. Dahinter steht die Annahme, die Welt sei im Prinzip vollständig steuerbar, und wie realistisch das ist, kann jeder überprüfen, der schon einmal versucht hat, ein Bauvorhaben, eine Behörde oder auch nur einen Umzug termingerecht über die Bühne zu bringen.
Zweitens: die Oberfläche gilt grundsätzlich als Täuschung
Diese Haltung sieht der Skepsis oft zum Verwechseln ähnlich und hat doch eine ziemlich folgenschwere Nebenwirkung. Sie entwertet nämlich jede Gegenevidenz schon, bevor deren Prüfung überhaupt beginnt. Ein Dementi bestätigt, ein Untersuchungsbericht ist gekauft, eine Studie ist bezahlt, und der Kreis ist damit geschlossen, und zwar dauerhaft.
Drittens: alles wird mit allem verknüpft
Voneinander völlig unabhängige Ereignisse werden zu einem Muster zusammengezogen. Michael Barkun unterscheidet dabei drei Stufen, nämlich die Ereignisverschwörung, die sich auf einen einzelnen Vorfall bezieht, die Systemverschwörung, bei der eine Gruppe ein weitreichendes Ziel verfolgt, und schließlich die Superverschwörung, in der sämtliche Einzelerzählungen zu einer Hierarchie zusammengeschaltet werden. Die Neue Weltordnung ist der Prototyp der dritten Stufe und saugt Elitenzirkel, Impfstoffe, Kondensstreifen und Währungsreform in ein einziges Modell hinein.
Viertens: die Erzählung immunisiert sich gegen Widerlegung
Hier liegt wohl das entscheidende Merkmal. Eine wissenschaftliche Aussage benennt die Bedingungen ihres eigenen Scheiterns. Eine ausgereifte Verschwörungserzählung kann das nicht mehr, denn fehlende Beweise gelten ihr als Nachweis gründlicher Vertuschung, Dementis als Panik und unabhängige Prüfungen als Teil des Apparats. Anschauungsmaterial liefert die Dokumentation über die Anhänger der flachen Erde, in der zwei methodisch durchaus saubere Experimente durchgeführt werden, das erwartete Ergebnis ausbleibt und daraufhin nicht die These verworfen wird, sondern die Messung.
Karl Popper hat 1945 die von ihm so genannte Verschwörungstheorie der Gesellschaft als eine Art säkularisierten Götterglauben beschrieben. An die Stelle der Gottheiten, denen früher Erdbeben und Missernten zugeschrieben wurden, treten mächtige Menschen, denen wir heute Kriege, Krisen und Inflationen zuschreiben. Sein Einwand richtete sich dabei gar nicht gegen die Existenz von Verschwörungen, sondern gegen die Annahme, dass sie üblicherweise gelingen. Gesellschaftliche Zustände sind eben fast immer die unbeabsichtigten Nebenfolgen zahlloser Einzelhandlungen und nur selten die Erfüllung eines Plans.
Der Begriff der Theorie passt hier eigentlich nicht
Ein erheblicher Teil der Forschung vermeidet das Wort Theorie inzwischen. Eine Theorie ist im wissenschaftlichen Sinne ja ein prüfbares Modell, das an Daten scheitern kann, und was hier beschrieben wird, ist ziemlich genau das Gegenteil, nämlich eine geschlossene Deutung, die sich gegen Daten immunisiert hat. Die Begriffe Verschwörungserzählung und Verschwörungsideologie treffen die Sache deshalb meist besser.
Der Begriff hat allerdings eine Kehrseite, die man kennen sollte. Er dient nämlich auch als Kampfbegriff, mit dem sich unbequeme, aber durchaus legitime Fragen bequem erledigen lassen. Während der Pandemie ist das mehrfach passiert, und die Labor-Hypothese galt zeitweise pauschal als Verschwörungstheorie, obwohl sie eine ernsthaft diskutierte Möglichkeit war und immer noch ist. Wer den Begriff benutzt, sollte ihn deshalb an der Bauform festmachen und nicht am eigenen Unbehagen über das Thema.
Reale Verschwörungen fliegen über Papier auf und nicht über Symbole
Am deutlichsten wird die Trennlinie bei der Frage, auf welchem Weg etwas eigentlich herauskam. Sämtliche Fälle im Kapitel Echte Verschwörungen wurden nicht durch Mustererkennung im Netz aufgedeckt, sondern durch Insider mit Dokumenten, durch entwendete Akten, durch Untersuchungsausschüsse, Gerichtsverfahren und durch Journalisten, die sich die Primärquellen tatsächlich angesehen haben. Ein Beispiel dafür, dass eine reale Verschwörung durch die Deutung von Symbolen, Zahlenverhältnissen oder Videostandbildern aufgeflogen wäre, ist bislang nicht bekannt.
Das kann eigentlich auch nicht überraschen. Wo tatsächlich etwas verborgen wird, gibt es Mitwisser, Schriftverkehr und Spuren, und wo nur ein Muster gedeutet wird, gibt es eben Muster. Muster aber findet unser Wahrnehmungssystem praktisch überall, wenn wir es nur lange genug suchen lassen.
Eine Verschwörung ist eine Behauptung über die Welt, die sich prüfen lässt, und eine Verschwörungserzählung ist eine Deutung der Welt, die jede Prüfung einfach in sich aufnimmt. Der Test dafür besteht meist aus einer einzigen Frage: Welcher Befund müsste eigentlich vorliegen, damit die Überzeugung fällt?